Ambulante Pflege reicht nicht mehr
Wie Community Health Nursing – vielleicht sogar genossenschaftlich – die Versorgung verändern kann
Unsere Pflegefachpersonen arbeiten am Limit. Gerade in der ambulanten Pflege geht es oft nur noch darum, das Nötigste zu schaffen: Medikamente geben, Körper pflegen, Wunden versorgen. Alles im Minutentakt.
Aber viele Menschen brauchen mehr als das. Sie brauchen jemanden, der zuhört, berät, mitdenkt – und sich auskennt im Gesundheitsdschungel. Genau da setzt Community Health Nursing an.
🔍 Was ist das eigentlich?
Community Health Nurses (CHN) sind speziell weitergebildete Pflegefachpersonen mit Masterabschluss.
Sie arbeiten direkt in den Nachbarschaften, Stadtteilen oder Dörfern – nicht nur beim Einzelnen zu Hause, sondern im Quartier. Ihre Aufgaben:
- beraten bei chronischen Krankheiten oder Pflegebedarf
- unterstützen bei Gesundheitsfragen und Prävention
- helfen beim Umgang mit digitalen Gesundheitsangeboten
- vernetzen Pflege, Arztpraxis, Sozialdienste und Angehörige
- erkennen Probleme früh – bevor sie zu Krisen werden
CHN ersetzen nicht die ambulante Pflege – sie ergänzen und erweitern sie, genau dort, wo heutige Strukturen an ihre Grenzen stoßen.
In Deutschland gibt’s das schon – aber noch zu selten
In Hamburg, Berlin oder Rheinland-Pfalz arbeiten CHN bereits in Modellprojekten mit Ärzt:innen, Sozialarbeit und anderen Gesundheitsakteuren zusammen.
Auch Studiengänge gibt es – z. B. in Dresden, München, Bremen , Witten u.a.
Aber: Es sind Pilotprojekte. Es fehlen gesetzliche Rahmenbedingungen, um CHN flächendeckend einzusetzen. Was fehlt, ist der nächste Schritt – politisch und strukturell.
⚠️ Und was passiert stattdessen?
Während Community Health Nurses um Anerkennung ringen, erleben wir parallel die Etablierung neuer ärztlich kontrollierter Assistenzrollen – statt echter Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Beispiele dafür sind:
- VERAH® (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis)
- NäPA (Nicht-ärztliche Praxisassistenz)
- AGnES (Arztentlastende Gemeindeschwester)
- Eva, MoPra, EvaMed, MoNi und andere Modellvarianten
Was sie verbindet:
🔸 Sie sind delegierte Rollen unter ärztlicher Aufsicht
🔸 Sie bleiben in einer Assistenzlogik verhaftet
🔸 Sie bremsen die Professionalisierung der Pflege
Diese Rollen schließen Versorgungslücken kurzfristig – aber sie festigen Machtverhältnisse, statt Kompetenzen fair zu verteilen.
Dabei gäbe es längst Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss und interprofessionellem Know-how, die Verantwortung übernehmen könnten – wenn man sie ließe.
🗳️ Was sich politisch ändern muss
Damit Community Health Nurses nicht nur Ausnahme, sondern Regelversorgung werden, braucht es konkrete politische Schritte:
🔧 Wir brauchen:
- Ein Pflegekompetenzgesetz, das klar regelt, was CHN eigenverantwortlich tun dürfen – z. B. Diagnosen stellen, Therapien einleiten, Leistungen verordnen
- Eine Vergütung, die auf Wirkung, Prävention und Koordination setzt – statt auf Minutenpflege
- Eine kommunale Verankerung von CHN – in Gesundheitszentren, Quartiersprojekten oder im Öffentlichen Gesundheitsdienst
- Und: Vertrauen in Pflegefachpersonen, die nicht mehr assistieren, sondern gestalten wollen
💡 Mal laut gedacht: Warum nicht genossenschaftlich?
Was wäre, wenn Pflege nicht nur im System stattfände – sondern direkt aus dem Quartier heraus organisiert wäre?
Zum Beispiel als Pflegegenossenschaft:
- getragen von Bürger:innen, Kommune, Vereinen, Gesundheitsfachkräften
- mit echter Mitgestaltung durch die Menschen vor Ort
- finanziert über solidarische Beiträge, Fördermittel & kommunale Budgets
- mit dem Ziel, Gesundheit nicht zu verkaufen – sondern gemeinsam zu ermöglichen
Solche Strukturen könnten Pflege demokratisieren – und den Zugang zu Gesundheitsversorgung gerechter machen.
Fazit:
Pflege kann mehr sein als Versorgung. Sie kann Gesundheit gestalten, Teilhabe ermöglichen, Menschen verbinden.
Community Health Nursing zeigt, wie das geht – wenn man den Pflegeberuf endlich ernst nimmt.
Dazu braucht es Mut zur Strukturveränderung.
Und vielleicht auch: Mut zur genossenschaftlich organisierten Pflege – vor Ort, im Quartier, für uns alle.