Mythos Primärarztsystem – Warum wir von internationalen Primary-Care-Modellen mehr lernen sollten
In Debatten über die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Deutschland fällt oft ein vertrauter Satz: „International dominiert das Primärarztsystem.“
So auch im neuen Buch „Die Gesundheit der Zukunft“, verfasst u. a. von Prof. Dr. Christian Karagiannidis. Aber: Diese Aussage ist zu kurz gegriffen – und spiegelt mehr eine deutsche Perspektive als die Realität moderner internationaler Versorgungssysteme.
Zur Einordnung: Denn weltweit dominiert nicht das Primärarzt-, sondern das multiprofessionelle Primary Care-System.
Was das heißt? In Kanada, Australien, UK, Skandinavien oder den Niederlanden arbeiten Community Nurses, Sozialarbeiter:innen, Hebammen, Advanced Practice Nurses und Ärzt:innen in interdisziplinären Teams auf Augenhöhe – präventiv, wohnortnah, teamorientiert.
Pflegefachpersonen übernehmen dort eigenständig:
- Ersteinschätzungen
- Impfungen & Prävention
- Chronikermanagement
- psychosoziale Begleitung
- Gesundheitsbildung & Case Management
Diese Teams sind nicht nur menschennäher – sie sind effektiver. Und sie entsprechen exakt dem, was die WHO, die OECD und die EU-Kommission seit Jahren von Deutschland fordern: starke, integrative, partizipative Primärversorgung, getragen von mehr als nur einer Berufsgruppe.
Die Aussage vom „Primärarztsystem“ als internationalem Standard verkennt genau das, was dringend gebraucht wird: ein radikales Umdenken in Richtung Zusammenarbeit, geteilte Verantwortung – und vor allem ein echter Strukturwandel, der Pflege- und Gesundheitsberufe nicht nur als Mitläufer, sondern als Mitgestaltende ernst nimmt. So wie bei fast allen erfolgreichen Innovationen gilt - "Its all about the Team!"
Gesundheit ist also eine Gemeinschaftsaufgabe. Primary Care auch.
Und genau deshalb ist es Zeit, dass wir in Deutschland nicht nur auf das Label „hausarztzentriert“ schauen, sondern auf das, was wirklich wirkt.
Schweden hat es in weniger als 20 Jahren Umstrukturierung bewiesen, dass ein Gesundheitssystem nicht an Überlastung scheitern muss – sondern an fehlendem Mut zur Veränderung.
Mit starken Primärversorgungszentren, digitaler Infrastruktur und echten Rollen für Pflege und Community Health ist dort gelungen, was hierzulande oft nur diskutiert wird: ein modernes, gerechtes und wohnortnahes Versorgungssystem.
👉 Was hindert uns in Deutschland, endlich nachzuziehen?
🌱 Mein Appell:
Wir brauchen keine weiteren Modellprojekte – wir brauchen echte Reformen:
- ein modernes Berufs- und Leistungsrecht für Pflegefachpersonen
- gesetzliche Verankerung von multiprofessionellen Primärversorgungsteams
- faire Vergütung für Verantwortung, nicht für Titel
- und einen Mentalitätswechsel: von Hierarchie zu echter Zusammenarbeit
💬 Und jetzt du:
Was denkst du?
Welche Hürden siehst du – welche Lösungen auch?
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Weiterführende Quellen: